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Prof. Dr. Oswald Bayer zu Gast an der LThH
Am 15. Juni besuchte Oswald Bayer, emeritierter Professor für Systematische Theologie an der Universität Tübingen, die Lutherische Theologische Hochschule der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) in Oberursel. Bayer sprach auf ausdrücklichen Wunsch und Einladung der Studierenden zum Thema "Wissenschaftliche Methoden in der theologischen Auslegung der Bibel". Bayer betonte, die theologische Auslegung der Bibel komme vom Gottesdienst her und führe zu diesem zurück; denn biblische Texte wollten gepredigt und geglaubt werden. Unter dieser Prämisse stelle sich wissenschaftstheoretisch die Frage, was theologische Wissenschaft einerseits zur Theologie und andererseits zur Wissenschaft mache. Im bleibenden Bezug zum Gottesdienst und in der freien Verwendung wissenschaftlicher Methodik sieht Bayer einen integrierenden Lösungsansatz. Wenn nach den Prämissen der lutherischen Theologie klar bleibe, dass die Bibel selbst Subjekt der Auslegung sei ("Die heilige Schrift legt sich selbst aus."), dann sei jede Fragestellung erlaubt und hilfreich. Bayer betonte, je älter er werde, desto mehr freue er sich über neu auftretende Fragen bei der Untersuchung der heiligen Schrift. In kritischer Auseinandersetzung mit den Paradigmen neuzeitlicher Theologie unterschied Bayer den Gottesdienstbezug der Bibel als konstitutiv von der wissenschaftlich-methodischen Exegese als regulativ. Gleichwohl sei wissenschaftliche Exegese unverzichtbar, denn es könne nicht ein Verständnis biblischer Texte theologisch vertreten werden, das sich philologisch als nicht haltbar erwiesen habe. Dabei sei die "Zwei-Naturen-Lehre" aus der Christologie hilfreich, wenn man sie auf die heilige Schrift anwende. Gottes Wort und historisch bedingtes menschliches Reden dürften beim Auslegen der Bibel nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern seien nur im Miteinander zu haben. Dabei sei der Zusammenhang von Glaube und Geschichte in der Theologie bis heute im Grunde ungeklärt. So zeigte Bayer Aufgaben zur Weiterarbeit auf.
Der Vortrag, den Studierende und Professoren als gleichermaßen bereichernd empfanden, war Teil einer bereits länger andauernden Beschäftigung mit hermeneutischen Grundfragen an der theologischen Ausbildungsstätte der SELK.
